... Blasen-/ Darmproblemen?

 

Das Gerücht, dass die Funktion des Darms und der Blase nicht von der ALS beeinträchtigt wird, hält sich hartnäckig. Selbst Betroffene, die bereits diesbezüglich Probleme entwickelt haben, bekommen immer noch zu hören, dass die ALS keinen Einfluss auf die beiden Trakte haben soll. Diese Aussage ist grundsätzlich falsch. Der Bauchraum oder Peritonealraum ist die größte Körperhöhle des Menschen. Er besitzt folgende "Grenzen": 

• vorne: Muskulatur der Bauchwand
• hinten: Muskulatur des Rückens
• oben: Zwerchfell
• unten: Beckenbodenmuskulatur

Diese Muskelgruppen werden von der ALS leider ebenfalls angegriffen und erschlaffen im Verlauf der Erkrankung, so dass sie nicht mehr ihre Funktion erfüllen können: dazu gehören sowohl unter anderem die Unterstützung des Darms bei der Verdauung, als auch die Kontrolle über die Funktion der Blase bzw. die kontrollierte Entleerung der Blase.

Der Darm: Probleme und Hilfsmittel

 

Die Wände der verschiedenen Abschnitte des Magen-Darm-Traktes sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut und bestehen aus vier Schichten.

Je nach Darmabschnitt haben die Schichten unterschiedliche Aufgaben:
• Die innere Schleimhautschicht (Mukosa) der Speiseröhre dient als Schutz vor scharfen Ecken und Kanten des geschluckten Happens. Durch die glatte Oberfläche kann die Nahrung gut in den Magen gleiten. Bestimmte Zellen in der Schleimhautschicht von Magen, Dünn- und Dickdarm stellen Substanzen her, die für die Verdauung notwendig sind, zum Beispiel Salzsäure, Verdauungsenzyme oder Hormone. Außerdem nehmen die Schleimhautzellen Nahrungsstoffe, Wasser und Mineralien auf. 
• In der inneren Bindegewebsschicht verlaufen Nerven, Blut- und Lymphgefäße. 
• Die Muskelschicht sorgt dafür, dass der Nahrungsbrei gut durchmischt und weitertransportiert wird. 
• Die äußere Schicht aus Bindegewebe (Adventitia) grenzt den Darm gegen die Umgebung ab. 

Was tun bei Darmträgheit / Verstopfung?

Diese Muskelgruppen werden nach und nach durch die ALS beeinträchtigt, was zur Folge hat, dass der Darm träge wird und damit der Transport bis zur Ausscheidung Unterstützung braucht (im übrigen verursachen auch Opiate und Morphine eine sogenannte Darmträgheit/ Morphindarm). Das kann u.a. sehr schmerzhaft sein für den Betroffenen.
Schnelle Abhilfe wird oft medikamentös geregelt, in dem man abführende, als auch Stuhlgang weichmachende Medikamente verabreicht. Zum Anführen empfehlen sich Laxoberal® und Laxans-ratiopharm® Pico-Tropfen, als Weichmacher Movicol oder ähnliche Präparate sowie Milchzucker. Falls der Betroffene noch keine Katheterdrainage gelegt bekommen hat, hat sich auch Mestinon® als gutes Mittel gegen Darmträgheit und Verstopfung bewehrt, 

!! ACHTUNG: bitte jedoch niemals Mittel wie Obstinol verabreichen, wenn bereits Dysphagien ausgeprägt sind bzw. man bereits überwiegend bettlägrig ist. Es handelt sich um ein parafinhaltiges Abführmittel, das u.U. in die Speiseröhre und Trachea geraten kann, wenn der Patient nicht mehr mindestens 6 Stunden aufrecht sitzen oder gar stehen kann !! 

Ebenfalls kommen Zäpfchen und Klistiere zum erfolgreichen Einsatz.


Auch durch manuelle Colonmassagen kann der Transport der Stuhlmasse angeregt werden.

Was tun bei Darminkontinenz / Darmlähmung?

Am Ende des Dickdarms folgt nun der Enddarm/ Mastdarm und die Ampulle. Hier kommen die Schließmuskeln zum Einsatz. Wenn diese Muskeln angegriffen sind, kann es zu zwei Szenarien kommen: entweder sie erschlaffen vollkommen, was zu einer Stuhlinkontinenz führt, oder das Gegenteil geschieht, dass die Schließmuskeln permanent verkrampft sind, einer anhaltenden Spastik ähnlich. Im letzteren Fall hilft zur Entspannung der Muskulatur eine vorsichtige Dammmassage von der Ampulle ausgehend. Hierbei öffnen sich dann sanft die Muskeln, so dass der Stuhlgang nachrutschen und/oder gegebenenfalls digital ausgeräumt werden kann.


Die Blase: Probleme und Hilfsmittel

 


Die Blase ist das Ausscheidungsreservoir für unseren von den Nieren produzierten Urin. Damit auch dieses System im Körper einwandfrei funktioniert, braucht es ebenfalls die Unterstützung verschiedener Muskelgruppen. Hierzu gehören mehrere Schließmuskelgruppen, als auch die Beckenbodenmuskulatur:

In der Harnblase wird der Harn gespeichert. Die Harnblase speichert den Harn, der ihr von der Niere produziert über den Harnleiter (Ureter) zugeleitet wird. Von jeder Seite mündet ein Harnleiter im unteren Bereich der Harnblase. Da die Harnleiter schräg durch die Wand verlaufen, werden sie von den Muskeln der Wand zusammengedrückt, so dass ein Zurückfließen des Harns (Reflux) vermieden wird, wenn von oben aus der Niere nichts fließt. Wenn die Harnblase einen gewissen Füllungsgrad erreicht hat, ziehen sich die Muskeln in der Harnblasenwand zusammen und der Inhalt wird über die Harnröhre nach außen befördert. Damit während der Speicherung die Blase dicht ist, gibt es verschiedene Verschlussmechanismen. Zum einen den inneren Verschluss (Sphinkter), der sich direkt am Harnblasenausgang befindet und von gegenläufigen Muskelschlingen des Beckenbodens gebildet wird. Dieser Verschluss öffnet sich mit steigendem Druck in der Blase und kann nicht willkürlich beeinflusst werden. Zum anderen gibt es einen äußeren Verschluss im mittleren Teil der Harnröhre (Urethra), der willkürlich angespannt werden kann.

Ab einer Füllung von etwa 200 ml tritt Harndrang auf, der ab 400 ml sehr stark wird. Insgesamt kann die Blase 600 – 1000 ml fassen. Da die Größe der Blase mit der Füllung sehr stark variiert, liegt die Schleimhaut, die die Innenseite auskleidet (Tunica mucosae), im leeren Zustand in Falten. Bei zunehmender Füllung verstreichen diese. Außerdem können sich die kugeligen Zellen der Schleimhaut (Deckzellen) bei Füllung abflachen und noch weiteren Raum für Ausdehnung und damit den Urin schaffen. Die Deckzellen verhindern außerdem, dass der aggressive Harn die Harnblase beschädigt. 
Die Entleerung der Blase geschieht durch einen Reflex, der vom Gehirn ausgelöst wird, welches Informationen über den Füllungszustand der Blase von Nervenfasern aus dem Rückenmark erhält.
Normalerweise unterdrückt man diesen Reflex, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entleeren ergibt, das heißt, dass die Entleerung willkürlich gesteuert werden kann.

Was tun bei Inkontinenz?

Sind nun die unterschiedlichen Muskelgruppen im Nieren-Blasentrakt durch die ALS geschädigt, kommt es unter Umständen (bei Frauen häufiger) zu Inkontinenz. Bei Männern tritt, wie bei den Schließmuskeln im Darm, eher eine Spastik und damit einhergehend ein schmerzhafter Harnverhalt und Harnstau auf. Deshalb wird im fortschreitenden Verlauf der ALS in beiden Fällen oft für einen sogenannten suprapubischen Blasenkatheter (SPK) entschieden, der durch die Bauchdecke gelegt wird, sodass der Urin permanent abfließen kann. Anders als der transurethrale Dauerkatheter ist der suprapubische Blasenkatheter schmerzfreier und hygienischer, da es viel weniger zu Harnwegsentzündungen kommen kann. Außerdem ist auch ein Ausspülen mit NaCL viel leichter zu handhaben (s.u.)

Was tun bei Blasen- Nierenentzündungen?

Ebenso kommt es gehäuft zu Blasen- und Nierenentzündungen, da auch die obere Muskulatur nachlässt, die normalerweise den Rücklauf in die Nieren verhindert. Auch transurethrale Dauerkatheter begünstigen Entzündungen und Reizungen im Harnwegsbereich.

Entzündungen mit starken Schmerzen sollten unmittelbar mit Antibiotika behandelt werden. Bei schwächeren Symptomen und/oder parallel zu den Antibiotika können folgende Medikamente und Hilfsmittel zum Einsatz kommen:

  • Nieren- und Blasentee, Lindenblütentee
  • Mittel oder Säfte mit Cranberryextrakt
  • viel Wärme (Kirschkernkissen oder Wärmflasche)
  • viel Vitamin C
  • Brennesseltee mit Zitrone
  • Salbei
  • Knoblauch (Selen!)
  • Ein herbes Bier oder säurehaltige Säfte
  • Cystinol akut®
  • Spülungen der Blase zu Hause: Entzündungen in der Blase werden grundsätzlich durch Keime ausgelöst, die man, wenn ein suprapubischer Blasenkatheter (SBK) gelegt wurde, mitunter durch Spülungen mit NaCL ausschwemmen kann, so dass die Entzündung schnell abklingt und Antibiotika nicht benötigt werden. Hierzu legt man zunächst zusätzlich einen Dauerkatheter (DK) über die Harnröhre. Dann wird eine NaCL-Infusion über den SBK in die Blase gegeben, die sofort wieder über den DK abfließen kann. Diese Prozedur wird 24  - 72 Stunden wiederholt.

Allgemein gilt bei einer Blasen- oder Nierenentzündung so wenig Zucker wie möglich zu sich zu nehmen und viel zu trinken!

Quellen: netdoctordr-gumpert.de, ein Riesendankeschön an unsere Bianca Meier (Vereinsmitglied) für die Hilfe und ihren Beitrag!

Facebook Twitter share